taoistischer Tempel

Die Religion und Philosophie des Taoismus (oder Daoismus) vertraut in die Kraft spontaner Entscheidungen, die aus einem ruhigen und selbstlosen Geist entstehen. Mit verschiedenen meditativen Übungen und einer tugendhaften Lebensweise versuchen die Anhänger des Taoismus ihre Lebensenergie Qi mit dem Tao (Dao), dem Urgrund allen Seins, in Einklang zu bringen.

Der Taoismus ist neben Konfuzianismus und Buddhismus eine der drei großen chinesischen Lehren. Seine Philosophie ist tief in der traditionellen chinesischen Denkweise verankert, die für westlich geprägte Menschen oft schwer nachzuvollziehen ist. Sich mit dem Taoismus vertraut zu machen und den taoistischen Weg zu gehen, ist eine lebenslange Aufgabe. Durch diesen Wissensartikel erhältst du jedoch einen allersten Einblick in die traditionelle chinesische Lebensphilosophie. Immerhin hat der Taoismus nicht nur den Zen-Buddhismus maßgeblich beeinflusst, taoistische Übungen wie das Qigong erfreuen sich heute auch bei uns großer Beliebtheit.

Die Ursprünge des Taoismus

Laotsi oder Laozi, Taoismus

Die Wurzeln des Taoismus reichen viele tausend Jahre zurück. Er ist eng mit der traditionellen chinesischen Lebensart verbunden und so sammeln sich in seiner Lehre verschiedene Denkrichtungen des alten Chinas. Bei all dem war er jedoch nie eine Religion der breiten Bevölkerung, denn dafür ist er im Alltag zu untauglich. Wann und wo der Taoismus genau entstanden ist, lässt sich nicht bestimmen. Es gibt keinen Religionsstifter wie Jesus oder Siddharta Gautama, der spätere Buddha, auf den diese Religion zurückgeführt werden könnte.

Stattdessen wurden die taoistischen Lehren zunächst über viele Jahrtausende mündlich von Meistern an ihre Schüler weitergegeben. Erste schriftliche Überlieferungen zu den Lehren des Taoismus finden sich in den Schriften Laotses, auch Laozi, aus dem 6. Jahrhundert vor Chr. In der Fachwelt ist jedoch sehr umstritten, ob es Laotse wirklich gegeben hat. Wahrscheinlich sind seine angeblichen Überlieferungen eine Sammlung alter Volksweisheiten, die von späteren Autoren kommentiert wurden. [1]

Konfuzianismus und Taoismus

traditioneller chinesischer Fischer, Kultur

In der chinesischen Gesellschaft gibt es zwei ursprüngliche spirituelle Strömungen, die sich gegenseitig ergänzen: Konfuzianismus und Taoismus. Der Konfuzianismus gibt Anleitung zum praktischen Leben in der Gemeinschaft. In seinem Sinne werden Kinder mit Normen, Regeln und Werten vertraut gemacht und so zu einem funktionierenden Teil der Gesellschaft erzogen.

Dagegen ist der Taoismus traditionell eher eine Schule von älteren Männern oder Aussteigern, die sich bewusst aus der Gesellschaft zurückziehen. Sie möchten sich von allen Zwängen des Zusammenlebens befreien. Denn erst wenn sie sich vom Korsett des gesellschaftlichen Regelwerks befreien, können sie geistige Ruhe finden. Diese benötigen sie, um ihre natürliche Spontanität zurückzugewinnen und im Einklang mit dem Tao zu leben. [2]

Was ist das Tao?

Das Tao, Bergwelt China

Hat Gott die Welt „gemacht“?

Um das Tao zu verstehen, müssen wir uns zunächst unsere eigene Sicht auf die Welt vor Augen führen. Wir haben die Vorstellung des christlich-hebräischen Gotts verinnerlicht, also eines allwissenden Wesens, das sich seiner Rolle in der Welt und seiner eigenen Existenz durchaus bewusst ist. Gott hat die Welt mit allen physikalischen Gegebenheiten geschaffen und dabei auch moralische Gesetze festgelegt. Den Menschen gestaltet er nach seinem Ebenbild. Man könnte sagen, Gott „macht“ die Welt. Er setzt aus vielen einzelnen kleinen Bausteinen den Kosmos zusammen.

In unserer Gedankenwelt trennen auch wir diese einzelnen Bestandteile voneinander. Darauf hat nicht nur unsere Vorstellung von Gott, sondern auch die westliche wissenschaftliche Denkweise großen Einfluss. Deshalb unterscheiden wir Lebendiges von lebloser Materie. Wir zerlegen unseren Körper gedanklich in Arme, Beine, Kopf, Augen und Gehirn. Und wir unterscheiden zwischen Körper, Geist und Seele. [3]

Im Tao wächst die Welt aus sich selbst heraus

Ein Taoist würde über die Frage, wie die Welt „gemacht“ ist, vermutlich lachen. Wieso sollte die Welt aus Einzelteilen zusammengesetzt sein? Eine Pflanze wird doch auch nicht aus Blüten, Blättern und Stängel zusammengesetzt. Sie wächst aus sich selbst heraus. Vermutlich ohne selbst nachvollziehen zu können, wie und warum sie eigentlich wächst. Aber dennoch ist ihr Wachstum nicht zufällig. Man könnte von einer Art gerichteter Spontanität sprechen.

Ebenso verhält es sich mit dem Tao. Das Tao ist der undefinierbare Prozess der Welt, der Urgrund, der alles Lebendige, Spirituelle aber auch Materielle umfasst. Gleich einer Pflanze wächst das Tao aus sich selbst heraus, ohne sich darüber bewusst zu sein, wie es das Universum hervorbringt. Es ist von der geheimnisvollen Dunkelheit (Hsüan) verhangen. Diese Dunkelheit ist keine klassische Dunkelheit im Sinne von Schwarz als Gegenteil von Weiß. Hsüan symbolisiert die schiere Unbegreiflichkeit des Taos für unseren Geist. Wir können sie beispielweise erleben, wenn wir versuchen, uns an die Zeit vor unserer Geburt zu erinnern. [4]

Laotse Begründer des Daoismus

Wie beschreibt Laotse das Tao?

Laotse, dem die ersten Schriften des Taoismus zugeschrieben werden, soll das Tao mit folgenden Worten beschrieben haben:

Bevor Himmel und Erde entstanden, gab es etwas Unbestimmtes. Wie ruhig! Wie leer! Es steht allein und unveränderlich; das Tao wirkt überall und unermüdlich. Es kann als die Mutter von allem unter dem Himmel betrachtet werden. Ich kenne seinen Namen nicht, nenne es aber bei dem Wort Tao. 

Das Tao ist etwas Unscharfes und Unbestimmtes. (…) Und doch sind in ihm Bilder. Wie verschwommen! Wie undeutlich! Und doch sind in ihm Dinge. Wie trübe! wie verworren! Und doch in ihm ist geistige Kraft. Weil diese Kraft am wahrsten ist, gibt es in ihr Vertrauen. [5]

Spontanität als Lebensprinzip

Spontanität ist das Prinzip des Tao

Das Tao funktioniert nach dem Prinzip der Spontanität

In seinen Überlegungen zum Tao kommt Laotse zu folgendem Schluss:

Das Prinzip des Tao ist Spontanität. [6] 

Die Spontanität des Tao darf aber keinesfalls als blinder oder ungeordneter Trieb betrachtet werden. Wir müssen uns eine Intelligenz vorzustellen, die keinem Plan und keiner Ordnung folgt.  Das Tao funktioniert gedankenlos, aber nicht zufällig. Die Anhänger des Taoismus versuchen, das Prinzip der Spontanität auf ihre eigene Lebenswelt zu übertragen. [7]

Eigentlich vermeiden wir Spontanität

In unserer westlichen Gesellschaft sind spontane Entscheidungen dagegen eher verpönt. Wir versuchen unser gesamtes Handeln durchzuplanen und alle Eventualitäten in unsere Überlegungen mit einzubeziehen. Selbst über kleine Entscheidungen machen wir uns gründlich Gedanken. Wie ein Wissenschaftler tragen wir akribisch alle verfügbaren Informationen zusammen. Eine in unserem Alltag je nach Situation sehr umständliche Art des Denkens und Handelns. Und zu allem Überfluss geht trotz sorgfältiger Planung immer noch ziemlich viel schief.

Der Taoist lebt die Spontanität

Der Taoist lebt die Spontanität des Tao in seinem eigenen Leben. Bei einer Entscheidung würde er fragen, woher wir denn wissen, dass wie alle relevanten Informationen zu einem Problem zusammengetragen haben? Egal wie viele Gedanken wir uns machen, letztendlich spielt in jeder Alltagsentscheidung auch eine große Portion Bauchgefühl mit. Der Taoist versucht Entscheidungen und Handlungen deshalb aus sich heraufließen zu lassen. Er vertraut darauf, dass die richtige Geisteshaltung spontan zu den besten Entscheidungen und Handlungen führt. [8]

Das Qi (Chi) im Taoismus

Yin und Yang sind die beiden Pole des Chi oder Qi

Während das Tao der Urgrund allen Seins ist, könnte das Qi als die Urenergie beschrieben werden. In der taoistischen Lehre teilt sich die Urenergie in die zwei Pole Yin und Yang. Wir finden diese Polarisierung beispielsweise in den zwei Geschlechtern. Hierbei handelt es sich aber nicht um von einander abgekapselte Pole oder Gegensätze. Vielmehr stehen sie miteinander in enger, harmonischer Beziehung. Ein besonderer Fokus des Taoismus liegt auf den beiden gegensätzlichen Polen „Kraft“ und „Geist“. Die meisten taoistischen Meditationsübungen haben zum Ziel, Kraft und Geist wieder zu vereinen und so in Einklang mit dem Tao zu bringen. [9]

Der meditative Pfad des Tao

Ein taoistischer Meister

Ursprünglicher und bewusster Geist

In der taoistischen Überlieferung Geheimnis der goldenen Blüte des Meisters Lü Zu, zeigt dieser einen meditativen Weg Geist und Kraft zu vereinen. Lü Zu unterscheidet zwei Formen des Geistes. Der ursprüngliche Geist existiert jenseits von Zeit und Raum. Der bewusste Geist hingegen ist in den Kreislauf des Lebens und damit auch in Entstehen und Vergehen eingebunden. Irdische Empfindungen wie Lust, Zorn und Gier hängen dem bewussten Geist an. Dieser soll durch die Qigong-Übungen in den ursprünglichen Geist des Tao zurückverwandelt werden.

Vier Stadien zur Wandlung des Geistes

Der Weg der Goldenen Blüte besteht aus vier Stadien der Meditation. Sie heißen „Sammlung des Lichts“, „Entstehung der Neugeburt im Raum der Kraft“, „Ablösung des Geistleibes zu selbstständiger Existenz“ und „Mitte inmitten der Bedingungen“. Die vier Stadien haben zum Ziel den Geist zur Ruhe zu bringen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss sich der Taoist von allen eigenen Bedürfnissen und Wünschen lösen. „Das Herz muss sterben, der Geist leben.“ ( Zitat Wilhelm 1998, Seite 90) [10]

Durchdrungen von der Energie des ursprünglichen Geistes

Durch meditative Konzentration auf dem Punkt zwischen den Augenbrauen sammelt der Taoist Energie. Dies gelingt ihm nur, wenn er während der Konzentration eine entspannte Geisteshaltung beibehält. Durch die gesammelte Energie entsteht im Körper ein Kreislauf aus Licht. Dieses Licht ist die Energie des ursprünglichen Geistes. Anstrengung, Aufregung, Ablenkung und Schläfrigkeit verhindern den Erfolg der Meditation. [11]

I Ging – Das Buch der Wandlungen

Das I Ging oder Yijing ist wichtig für den Taoismus

Das älteste Hilfsmittel auf dem Pfad des Taoismus ist das I Ging oder Yijing, das Buch der Wandlungen. Es entstand etwa 3000 Jahre vor Chr. und enthält 64 geometrische Figuren, die zur Weissagung verwendet werden können. Das I Ging bietet jedoch auch philosophische Orientierung. Ursprünglich suchte der Wahrsager in den Rissen eines erhitzten Schildkrötenpanzers nach den Figuren des I Ging. Später wurden die Stängel der Schafgarbe verwendet.

Das I Ging hilft beim Erlangen von Spontanität

Der Anhänger des Taoismus sieht in den Weissagungen des I Ging ein nützliches Hilfsmittel auf seiner Mission zum Erlangen einer natürlichen Spontanität. Bevor er das Orakel befragt, bringt er seinen Geist durch Rituale in einen Zustand der Ruhe. Er weiß, dass das I Ging keine exakten Vorhersagen ermöglicht. Vielmehr hilft es der Intuition die richtigen Figuren zu entdecken. Ein kundiger Nutzer des I Ging braucht weder Schildkrötenpanzer noch Schafgarbenstängel. Er sieht die Figuren überall auf seinem Weg. In den Wolkenformationen im Himmel, in achtlos liegengelassenem Werkzeug und im Getreide, dass sich auf dem Feld im Wind wiegt.

Lässt sich dieses Phänomen psychologisch erklären?

Ein Psychologe würde das Phänomen des I Ging aus heutiger Sicht vielleicht so erklären: Fühlt und denkt ein Patient auf eine bestimmte Weise, so fallen ihm dazu passende Figuren aus seiner Umwelt besonders ins Auge. Er projiziert sein Gedanken und Gefühle also auf seine Umgebung, auch wenn ihm das selbst nicht bewusst ist. Sein Bauchgefühl findet sich in den Figuren des I Ging, die er in seiner Umwelt erkennt und er handelt entsprechend. [12]

Den Geist zur Ruhe kommen lassen

Qigong lässt den Geist zur Ruhe kommen

Solange unser Geist krampfhaft versucht, die Welt zu erfassen und zu erklären, haben wir keinen Zugang zum Tao. Wir müssen lernen, unsere Gedanken und Gefühle loszulassen. Diesen Zustand könnte man mit einer gewissen Einfältigkeit gleichsetzten. Ziel des Taoismus ist es, ein natürliches Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und den Lauf der Dinge zu hegen. Wer versucht, sich selbst vollständig zu kontrollieren, der scheitert. Der Verstand soll nicht in eine schwachsinnige Leere gleiten, sondern die innewohnende spontane Intelligenz nutzen, ohne sie zu erzwingen. [13]

Das chinesische Gleichnis vom Tausendfüßler zeigt, warum der Taoismus in das Prinzip der Spontanität vertraut:

Der Tausendfüßler war glücklich und zufrieden, bis eine graubraune Kröte ihn fragte: „Bitte sage mir, welches deiner Beine geht nach welchem?“ Dies beschäftigte seinen Verstand so sehr, dass der Tausendfüßler verwirrt in einem Graben lag und überlegte, wie er laufen sollte. [14]

Meisterschaft in Kunst und Handwerk

Meisterschaft durch Spontanität im Taoismus

Alle Kulturen des Fernen Ostens schätzen die schöpferische Kraft der Spontanität. Sie gilt auch in Kunst und Handwerk als Grundprinzip der Meisterschaft. Zwar wird anerkannt, dass in allen Künsten oft komplizierte Techniken zum Einsatz kommen. Diese sind jedoch zweitrangig. Wirklich meisterhafte Arbeit entfließt der Spontanität des Künstlers oder Handwerkers. Ein Meister in einem Fach ist also eine Person, die ohne Beabsichtigung wunderbare Zufälle entstehen lässt. [15]

Was können wir vom Taoismus lernen?

Ein Taoist zu werden, ist ein lebenslanger Weg. Dennoch können wir einige Dinge der taoistischen Philosophie auf unser eigenes Leben übertragen. Zum Beispiel, dass wir uns nicht um jede Kleinigkeit unendlich viele Gedanken machen, sondern die Dinge auch einfach mal auf uns zukommen lassen. Denn wirkliche Planungssicherheit kann es eh nie geben. Auch die taoistische Kunst, Entscheidungen aus einer ruhigen Geisteshaltung heraus zu treffen, kann in jedem Leben hilfreich sein.

Wenn Fu mehr über verschiedene Schulen und Philosophien der Meditation lernen willst, findest Du einen Überblick in unserem Artikel Die Geschichte der Meditation. Du willst mehr über den Zen-Buddhismus lernen, der maßgeblich vom Taoismus geprägt wurde? Im Wissensartikel Zen-Buddhismus – Philosophie und Meditation sind alle wichtigen Informationen zusammengefasst.

Quellen

[1] Harald Piron: Meditationstiefe. Grundlagen, Forschung, Training, Psychotherapie, 2020, Seite 36.

[2] Alan Watts: The Way of Zen, 1957, Seite 10.

[3] Alan Watts: The Way of Zen, 1957, Seite 11.

[4] Alan Watts: The Way of Zen, 1957, Seite 26.

[5] Zitate: Frei übersetzt aus Alan Watts: The Way of Zen, 1957, Seite 16.

[6] Zitat: Frei übersetzt aus Alan Watts: The Way of Zen, 1957, Seite 17.

[7] Alan Watts: The Way of Zen, 1957, Seite 17.

[8] Alan Watts: The Way of Zen, 1957, Seite 14f.

[9] Harald Piron: Meditationstiefe. Grundlagen, Forschung, Training, Psychotherapie, 2020, Seite 37.

[10] Harald Piron: Meditationstiefe. Grundlagen, Forschung, Training, Psychotherapie, 2020, Seite 37.

[11] Harald Piron: Meditationstiefe. Grundlagen, Forschung, Training, Psychotherapie, 2020, Seite 51.

[12] Alan Watts: The Way of Zen, 1957, Seite 13.

[13] Alan Watts: The Way of Zen, 1957, Seite 21.

[14] Zitat: Frei übersetzt aus Alan Watts: The Way of Zen, 1957, Seite 27.

[15] Alan Watts: The Way of Zen, 1957, Seite 26.

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